"Im Ursprung ist Tod nicht,
nicht Leben.
Ein einziger Gedanke
schafft zahllose Formen.
Weiß man, wo Gedanken werden,
wo sie vergehen,
strahlt hell der Mond
in der Tempelhalle."

Ching-Yang

Das "Heilende Tao" von Meister Mantak Chia

Meister Mantak Chia

Das Heilende Tao, auch "Tao-Yoga" genannt, ist ein vom Qigong-Meister Mantak Chia begründetes System alter daoistischer Heilungs- und Meditationspraktiken. Neben einer Vielzahl von Qigong-Techniken umfasst es auch daoistische Methoden zur Kultivierung der Sexualenergie, innere Alchemie, Taijiquan, alte Shaolin-Praktiken zur Körperertüchtigung, daoistische Organmassage, Kenntnisse der Naturkräfte, Ernährungslehre und Fengshui.


Carsten Dohnke, selbst ausgebildeter Tao-Lehrer, stellt die Basiselemente dieses Systems vor, die beispielhaft daoistische Grundprinzipien verdeutlichen.

Das von Meister Mantak Chia entwickelte Übungssystem des Heilenden Tao unterteilt sich in zwei Stufen. Die Praktiken und Meditationen der ersten Stufe dienen generell der Selbstheilung: Sie verbessern die Gesundheit, lösen energetische Blockaden, vermehren und verfeinern die Energie im Körper und stärken die Kraft im unteren Dantien. Ganz bewusst werden sie als "Praktiken des heilenden Tao" bezeichnet.

Auf dieser soliden Basis folgen nach etwa fünf bis zehn Übungsjahren die spirituellen Praktiken. Sie werden von Meister Mantak Chia als "Praktiken des unsterblichen Tao" bezeichnet. Ideelles Ziel des "unsterblichen Tao" ist die Erschaffung eines Lichtkörpers, der aus dem physischen Körper hervorgeht und auch nach dem Tode in der geistigen Welt weiterexistiert. Deutliche Parallelen in Theorie und Praxis finden sich hierzu im tibetischen Buddhismus, in dem oft die Idee eines Regenbogenkörpers vertreten wird.

Der große Verdienst von Meister Mantak Chia ist es, dass er aus einer Vielzahl der daoistischen Praktiken, die sich in den letzten dreitausend Jahren in China entwickelt haben, essentielle Methoden und Übungen herausgenommen und zu einem neuen und in sich geschlossenen System verbunden hat. Das zeigt sich besonders in den "Praktiken des heilenden Tao": Die zentralen Themen sind hier die Reinigung und Stärkung der inneren Organe und die Verdichtung der Lebenskraft zu einem Qi-Ball im Unterbauch. Beides geht zusammen: Fließt die Energie in den einzelnen Organen harmonisch und in Fülle, dann lässt sie sich auch leicht im unteren Dantien zentrieren.

 

DIE BASISPRAKTIKEN

Die Reinigung und Stärkung der inneren Organe hat vor allem das Ziel, ein "gutes und stabiles inneres Klima" zu schaffen: Die grundlegenden Qigong-Praktiken wie die Heilenden Laute und das Innere Lächeln dienen dazu, die negativen Emotionen innerlich - durch die Kraft des Geistes und des Qis - zu transformieren, Giftstoffe aus dem Körper zu leiten und die Harmonie der Organe untereinander zu stärken. So wird nicht nur der Körper innerlich gereinigt, sondern auch eine ausgeglichene und heitere Geisteshaltung entwickelt.

Die Zentrierung der Lebenskraft im unteren Dantian fördert die gesamte Vitalität und ermöglicht es, die Energie zu speichern. Im Heilenden Tao dient die Bildung eines Qi-Balls im Dantien-Bereich dem Aufbau eines inneren Gravitationsfeldes. Deshalb spricht Meister Mantak Chia auch von der Verdichtung und Kondensierung der Qi-Energie: Durch die Vorstellung eines inneren Sogs, anfangs kombiniert mit einer leichten Anspannung der Ringmuskeln der Augen und umgekehrter Bauchatmung, wird die Energie im unteren Dantien komprimiert und allmählich zu einer glühenden und hell scheinenden Lichtperle veredelt. Diese zieht durch ihre "Gravitations-kraft" automatisch die Kräfte der Natur, der Erde und des Kosmos an. Diese Kräfte lässt der Praktizierende dann entlang des Kleinen Energiekreislaufs und weiterer Sondermeridiane zirkulieren, damit sie sich gleichmäßig im Organismus verteilen und dort, wo es nötig ist, Heilungsprozesse in Gang setzen. Das innere Gravitationsfeld lässt sich mit der Anziehung vergleichen, die die Sonne auf die Planeten unseres Planetensystems ausübt: Ohne die Sonne würde keiner der Planeten auf seiner Bahn gehalten werden. Ebenso verhält es sich mit dem unteren Dantien: Ist das Dantien geschwächt, so mangelt es an einem natürlichen magnetischen Feld und auf die den Menschen umgebenden Qi-Kräfte wird keine Anziehung mehr ausgeübt.

Der daoistische "Novize" erlernt und praktiziert die verschiedenen Basistechniken des Heilenden Tao erst einmal separat. Dazu gehören verschiedene "Eisenhemdübungen", alte Praktiken der Shaolin-Tradition zur Ausbildung eines stählernen Körpers und zur Verbesserung von Haltung und Knochenstruktur. Bereits nach kurzer Übungszeit lässt der Praktizierende zusätzlich die Sexualenergie durch den Kleinen Kreislauf fließen. Die Kraft der Ovarien bzw. der Hoden wird teilweise dem Fortpflanzungsprozess entzogen und steht zur Versorgung und Heilung der inneren Organe, der Drüsen, und des Gehirns zur Verfügung. Dies ist eine alte daoistische Praxis, die im Chinesischen auch als "Huan Jing Bu Nao" bezeichnet wird: "Die Umkehrung des Spermaflusses zur Nährung des Gehirns".
Auf der nächsten Übungsstufe - der "Fusion der Elemente" - erfolgt eine Synthese des Gelernten: Die verdichtete Energie im unteren Dantien wird von solcher Intensität, dass sie gleichzeitig die gereinigten Energien der Organe und die Kräfte der Natur anziehen kann. Diese gestärkte innere Lichtperle wird nun zusammen mit der Sexualenergie durch den Kleinen Kreislauf, die Sondermeridiane und die Drüsen geleitet.

 

DIE "FUSION DER ELEMENTE"

Die Praktiken der "Fusion der Elemente" dienen in erster Linie der Transformation negativer Emotionen und der Ausbildung tugendhafter Qualitäten. Sie sind der erste Schritt der inneren daoistischen Alchemie: Die Energie wird erstens innerlich gereinigt und harmonisiert, zweitens im Zentrum verdichtet, drittens durch Zirkulation entlang der Meridiane verfeinert und viertens durch neue Energien aus der Natur und dem Universum vermehrt. Die im menschlichen Körper zu einer neuen und verfeinerten Form verschmolzene Energie dient dem Ziel, allmählich die Schwingungsfrequenz des gesamten Organismus zu erhöhen und von der Zellebene aus einen inneren Regenerations- und Selbstheilungsprozess einzuleiten. Zudem führt sie zu einer extremen Öffnung und Aktivierung der Energiebahnen.

Derjenige, die die "Fusion" praktiziert, hat dabei die Möglichkeit, je nach angeborener Schwäche oder momentaner Lebenssituation das eine oder andere Organ oder Naturelement mehr zu betonen. So kann er selbständig sein emotionales und physisches Gleichgewicht wiederherstellen und - auf längere Sicht gesehen - allmählich tiefergehende alte Verhaltensmuster auflösen.

Da sich gezeigt hat, dass die Wirkung der daoistischen Meditationen ohne eine gute körperliche Basis sehr begrenzt ist, nehmen neben den rein energetischen Praktiken auch Taiji, die bereits erwähnten Eisenhemd-Übungen und "Chi-Nei-Tsang", eine von Meister Mantak Chia entwickelte Organmassage, einen wichtigen Stellenwert im System des Heilenden Tao ein. Auch all diesen Praktiken ist gemein, dass sie sich gezielt mit den Organenergien und der Zentrierung der Lebenskraft im Dantien beschäftigen. Taiji und die Eisenhemd-Übungen betonen die Verwurzelung in der Erde. Dem Dao-Schüler wird so die Möglichkeit gegeben, parallel zur meditativen inneren Schulung seine körperliche Konstitution zu stärken, so dass er - aufbauend auf einem guten physischen Fundament - allmählich zu immer feineren und subtileren Praktiken übergehen kann.

Meister Mantak Chia in Hamburg 2003

"KAN & LI": DIE VERMÄHLUNG VON FEUER & WASSER

Die spirituellen Praktiken des Heilenden Tao tragen den Namen "Kan und Li". Es handelt sich um hohe Praktiken aus der daoistischen Tradition der inneren Alchimie. Ihre Meisterung bedarf vieler Jahre oder sogar Jahrzehnte des intensiven Übens. Die Begriffe Kan und Li beziehen sich dabei auf zwei der acht Trigramme des alten Orakelklassikers Yijing: "Kan" symbolisiert die heißen Kräfte des Feuers und "Li" die kühlenden Energien des Wassers.
Der daoistische Adept, der sich viele Jahre der Meditation und der inneren Alchemie hingibt, spürt die Kräfte des Feuers besonders im Herzen und im übrigen oberen Körperbereich. Sie werden verstärkt durch die hochfrequenten und ebenfalls heißen Energien des Himmels und der Sterne, die während der Meditationspraxis durch den Scheitelpunkt in den Körper eindringen. Die kühlen Kräfte des Elementes Wasser weilen hauptsächlich in den Nieren und den Sexualorganen. Die oft blau erscheinende Erdenergie, die durch die Sogwirkung der zentrierten Kraft des unteren Dantian über die Fußsohlen in die Beine aufsteigt, macht einen weiteren Anteil der kühlen Energien aus.

Carsten Dohnke - Das himmlische Qi in den Scheitel füllen

Der Tradition der Chinesischen Medizin und des Daoismus folgend, trennen sich die heißen und die kühlen Energien im Körper im Laufe des Lebens immer mehr voneinander und werden dabei zunehmend schwächer. Als Folge tritt im Alter der natürliche Tod ein. Die entsprechenden Symptome sind auch der westlichen Medizin bekannt: Ältere Menschen leiden häufig unter Muskelschwäche im Beckenbodenbereich, Blasenschwäche und Ödemen in den Beinen. Gleichzeitig klagen sie über aufsteigende Hitze und andere "Feuersymptome".

Der daoistische Adept, der sich der Praxis des Kan und Li widmet, möchte den Zerfall der Elemente und den natürlichen Alterungsprozess nicht nur harmonisch verlaufen lassen oder verlangsamen, sondern innerlich umkehren : die verschiedenen Kräfte sollen sich im Körper zu einer neuen Form des Lebens verbinden: Kan steht nicht mehr Li ausgleichend gegenüber, sondern das Wasser verdampft im Körper über dem Feuer. Das ist das wesentliche Element der inneren Alchimie. In den daoistischen Klassikern wird dieser Prozess als "dem Verlauf der Natur entgegenwirken" bezeichnet.

Strebt der Orakelmeister oder Kenner des Yijings danach, durch das Erkennen des Wandels und der Spannungszustände der Natur und des Lebens allgemein in Einklang und Harmonie zu leben, so geht der Alchimist einen Schritt weiter: Er hat das Verlangen nach Evolution und innerer Entwicklung und verwandelt durch seine Praxis die Materie, die dem Zerfall unterlegen ist, langsam in Licht. Der Körper ist sein Medium.

In der Praxis sieht die Vermählung von Kan und Li so aus: Die Lichtperle des unteren Dantien wird beim fortgeschrittenen Adepten zu einer Art "innerem Schmelztiegel": Das Feuer wird durch die inneren Energiebahnen des Körpers tief in das untere Dantien geleitet und bildet den Ofen. Die Kräfte des Wassers werden zu einem kühlen Lichtball gebündelt und langsam über den Ofen hinaufgeführt. Die Kunst besteht nun darin, das Wasser nicht ins Feuer fallen zu lassen, sondern allmählich zu senken und über dem Feuer zu stoppen. Was dann passiert, bezeichnen die Daoisten als "inneren Geschlechtsverkehr". Es kommt zur Vermählung beider Kräfte. Die Sexualenergie, die einen großen Teil der kühlenden Wasserkräfte ausmacht, wird durch das innere Feuer in ihrer Qualität verfeinert und in kühlenden Dampf verwandelt. Dieser Dampf nährt den ganzen Organismus von innen her. Er wird vom Adepten bewusst und Schritt für Schritt in die einzelnen Organe, die Drüsen, die Meridiane, das Gehirn und die Lymphbahnen geleitet.

Ziel ist, dass nach Jahren der Praxis, wenn der innere Selbstreinigungsprozess abgeschlossen ist, aus der überschüssigen verfeinerten Energie ein geistiger Körper hervorgeht, der - separat vom physischen Körper - in der geistigen Welt reisen kann. Dieser "Lichtkörper" wird in der daoistischen Tradition auch als "Inneres Kind" bezeichnet. Damit wird der tiefere Sinn des "inneren Geschlechtsverkehrs" deutlich: Der fortgeschrittene Daoist lenkt seine Fortpflanzungsenergie nach innen und "befruchtet" sich selbst. Zusammen mit den Energien der Naturelemente formt sich eine neue innere Kraft, die zu geistigem Wachstum führt.

Im System des Heilenden Tao werden qualitativ sehr wertvolle Praktiken der alten daoistischen Tradition vermittelt, von denen viele im alten China nur an Eingeweihte wiedergegeben wurden. Die Meisterung dieser Praktiken ist eine Lebensaufgabe. Für den modernen westlichen Schüler, der mit den extremen Sinnesreizen unserer schnelllebigen Medien- und Informationsgesellschaft aufgewachsen ist und der komplexe Meditationen auf Wochenendkursen lernt, birgt das gewisse Gefahren: Beginnt er zu schnell mit den spirituellen Praktiken, ohne auf einem soliden selbsterarbeiteten Fundament und langer eigener innerer Erfahrung aufzubauen, kann der innere "Lichtkörper" schnell zum Produkt der Phantasie werden. Zudem liegt es auch in der Eigenverantwortlichkeit des Schülers, den geistigen Weg des Dao nicht aus den Augen zu verlieren und sich neben dem Erlernen der Techniken intensiv mit seinem ganzen Leben auseinanderzusetzen.

(Der Umschrift dieses Artikels folgend, müsste Tao mit D geschrieben werden. Da es sich beim "Heilenden Tao" aber um einen für dieses System bekannten Namen handelt, wird die namensübliche Schreibweise beibehalten.)

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